Hilfsmittelversorgung


Hier beantworten wir Ihnen alle Fragen rund um das Thema Hilfsmittel und Hilfsmittelversorgung und verweisen Sie auf hilfreiche Links.

Hilfsmittel sind laut §33 Abs. 1 Satz 1, SGB V Gegenstände, die dazu dienen, eine Behinderung auszugleichen, den Erfolg einer Krankenbehandlung zu sichern oder einer drohenden Behinderung vorzubeugen.

Gemäß § 47 SGB IX müssen Patienten oder Angehörige Hilfsmittel tragen, mitführen oder bei einem Wohnungswechsel mitnehmen können. Fest in eine Wohnung eingebaute Bestandteile sind keine Hilfsmittel, sondern fallen in den Zuständigkeitsbereich der Pflegeversicherung.

Hilfsmittel dürfen keine Gebrauchsgegenstände des täglichen Lebens sein, d. h. sie dürfen keine Gegenstände sein, die gesunde Menschen gewöhnlich im Alltag nutzen. Sofern ein Produkt für die individuellen Bedürfnisse von kranken und behinderten Menschen hergestellt wurde und ausschließlich bzw. hauptsächlich von einer solchen Person genutzt wird, handelt es sich um keinen Gebrauchsgegenstand des täglichen Lebens.

Beispiel: Ein „normaler“ Kinderhochstuhl ist ein Gegenstand des täglichen Lebens, da er keiner Krankheit oder Behinderung vorbeugt und ihn jedes Kind im entsprechenden Alter nutzen könnte. Ein Therapiestuhl entspricht diesen Kriterien dagegen nicht, da Pelotten, Kopfstütze, Sitztiefe etc. an den kleinen Patienten und sein Krankheitsbild angepasst wurden.

Hilfsmittel müssen ausreichen, um eine Behinderung auszugleichen, sich lohnen und zweckmäßig sein. Insbesondere bei der Behandlung kranker Patienten ist darauf zu achten, dass das Hilfsmittel funktionstauglich ist und seine Sicherheit durch eine CE-Kennzeichnung bestätigt wird.

1. Rezept bzw. Verordnung

Die Grundlage einer Hilfsmittelversorgung bildet eine ärztliche Verordnung, also ein vom behandelnden Arzt ausgestelltes Rezept. Optimale Voraussetzungen bietet ein Rezept, das die Diagnose sowie das notwendige Hilfsmittel möglichst genau erläutert. Über die bestehenden Möglichkeiten berät Sie auch ein Sanitätshaus. Hier erläutert man Ihnen gerne, welche Hilfsmittel für den Patienten in Frage kommen.

2. Antrag

Sobald Ihnen das Rezept vorliegt, müssen Sie einen Antrag zur Kostenübernahme bei Ihrer Krankenkasse stellen. Das übernimmt in der Regel das Sanitätshaus (oder ein anderer Leistungserbringer) für Sie. Neben der ärztlichen Verordnung gehört zu diesem Antrag der Kostenvoranschlag für das benötigte Hilfsmittel. Diesen Kostenvoranschlag erstellt Ihr Leistungserbringer in Zusammenarbeit mit Ihnen.

3. Fristen

Nachdem der Antrag bei Ihrer Krankenkasse eingegangen ist, gibt es je nach Art der Hilfsmittelversorgung unterschiedliche Fristen.

  • Hilfsmittel, die den Erfolg einer Krankenbehandlung sicherstellen, folgen einer Frist von 3 Wochen. Sollte die Krankenkassen den medizinischen Dienst (MDK) beratend hinzuziehen, verlängert sich diese auf 5 Wochen.
  • Über Hilfsmittel, die eine Behinderung ausgleichen, entscheidet die Krankenkasse mit einer Frist von 2 Monaten.
  • Sofern die Krankenkasse für eine Entscheidung weitere Unterlagen benötigt (z. B. von Ärzten), verlängern sich die Fristen. Darüber informiert die Krankenkasse Sie als Eltern, Erziehungsberechtigte bzw. gesetzliche Vertreter schriftlich unter Angabe von Gründen.

    4. Bescheid

    Sobald die Krankenkasse über Ihr beantragtes Hilfsmittel entschieden hat, erhalten Sie einen sogenannten Bescheid. Mit einem positiven Bescheid haben Sie die Genehmigung, das Hilfsmittel in Ihrem Sanitätshaus zu bestellen und abzuholen.

    Wenn Ihnen eine Entscheidung vorliegt, ist es wichtig, dass Sie Ihren Leistungserbringer darüber informieren. Dieser wird darüber nicht automatisch in Kenntnis gesetzt.

    rehaKIND Ratgeber Hilfsmittelversorger (auch auf Erwachsene übertragbar)

    Wenn eine Behinderung festgestellt wird, erfolgt die Diagnose durch einen Facharzt. Dieser Facharzt liefert Ihnen erste Informationen zu möglichen Hilfsmitteln und stellt Ihnen eine Verordnung aus. Mit dieser Verordnung können Sie sich nun gezielt auf die Suche nach Ihrem Hilfsmittel machen.

    Wählen Sie ein Sanitätshaus Ihres Vertrauens aus, das idealerweise auch auf die von Ihnen benötigten Hilfsmittel spezialisiert ist. Es gibt beispielsweise Sanitätshäuser, die vor allem Bandagen, Einlagen oder Stützstrümpfe anbieten, aber mit der Versorgung komplexer medizinischer Hilfsmittel wenig Erfahrung haben. Derartige Informationen können Sie jedoch telefonisch oder vor Ort erfragen.

    Haben Sie das Sanitätshaus Ihrer Wahl gefunden, berät man Sie dort gerne und kompetent über die Möglichkeiten, Hersteller und Geräte, die in Frage kommen. Viele Sanitätshäuser haben ihre eigene Hilfsmittelausstellung, sodass Sie sich mögliche Geräte direkt ansehen können. Ist eine passende Größe verfügbar, können Sie Ihr Kind oder Ihren Angehörigen das Hilfsmittel auch direkt testen lassen.

    Darüber hinaus besteht die Möglichkeit von Erprobungen. Das Sanitätshaus organisiert dazu ein oder mehrere Hilfsmittel, die in Frage kommen. Die Auswahl trifft entweder das Sanitätshaus selbst oder es werden Ihre Wünsche mit berücksichtigt, sofern Sie konkrete Vorstellungen haben. Achten Sie immer darauf, dass das Hilfsmittel den Anforderungen Ihres Angehörigen entspricht, es für Sie gut zu handhaben ist und dass sich Ihr Familienmitglied darin wohlfühlt.

    Ein Versorgungsanspruch ist laut § 33 Abs. 1 S. 1 SGB V an drei Bedingungen geknüpft:

  • Es muss sich um ein Hilfsmittel handeln.
  • Das entsprechende Hilfsmittel darf kein alltäglicher Gebrauchsgegenstand sein.
  • Das jeweilige Hilfsmittel muss eine Krankheit behandeln oder eine Behinderung ausgleichen.
  • Es gibt Hilfsmittel, die einen unmittelbaren Behindertenausgleich leisten und Hilfsmitteln für einen mittelbaren Hilfsmittelausgleich. Bei einem unmittelbaren Behindertenausgleich dienen Hilfsmittel dazu, eine ausgefallene bzw. beeinträchtigte Körperfunktion möglichst vollständig auszugleichen. Das Hilfsmittel basiert auf den aktuellen medizinischen und technischen Möglichkeiten und versetzt den Patienten in die Lage, mit einem gesunden Menschen gleichzuziehen. Beispiele von Hilfsmitteln für einen unmittelbaren Behindertenausgleich sind Hörgeräte und Prothesen.

    Hilfsmittel für einen mittelbaren Behindertenausgleich gleichen die körperliche Beeinträchtigung nur teilweise aus und können damit nicht die vollständigen Fähigkeiten eines gesunden Menschen herstellen. Aus diesem Grund übernimmt die gesetzliche Krankenkasse die Kosten nur dann, wenn das Hilfsmittel Beeinträchtigungen im Alltagsleben beseitigt oder verringert. Daher sollte die ärztliche Verordnung für ein solches Hilfsmittel immer auch auf die jeweiligen Grundbedürfnisse eingehen, die mit dem Hilfsmittel verbunden sind. Dazu gehören:

  • Gehen, Stehen, Sitzen und Liegen
  • Nahrungsaufnahme
  • Körperpflege und Toilettengang
  • Körperlicher und geistiger Freiraum
  • Besuch bei Ärzten und Therapeuten
  • Bei Mobilitätshilfen gelten z. B. die Wege als Maßstab, die ein gesunder Mensch unter normalen Lebensumständen zu Fuß zurücklegt. Sie helfen dabei, den Gang zum Supermarkt, zum Arzt oder zur Apotheke zu meistern.

    Im Falle von Kindern und Jugendlichen übernimmt die GKV die Kosten von Hilfsmitteln, wenn diese dazu beitragen, zusammen mit Altersgenossen am sozialen Leben teilzunehmen. Die Grundbedürfnisse werden erweitert

  • um die soziale Integration unter gleichaltrigen Kindern und Jugendlichen sowie
  • um eine angemessene Schuldbildung.
  • Es gibt weitere Leistungen, auf die Sie im Zusammenhang mit Ihrem Hilfsmittel Anspruch haben. Sofern es notwendig ist, können Sie das Hilfsmittel ändern lassen. Bei Defekten haben Sie ein Recht darauf, Ihr Hilfsmittel wieder instand setzen zu lassen bzw. einen Ersatz zu erhalten, sofern die Schäden nicht repariert werden können. Patienten selbst, aber auch Angehörigen oder Pflegern steht eine Einweisung/Schulung zu, wie das Hilfsmittel korrekt genutzt wird. Und um die Funktionsfähigkeit und Sicherheit des Hilfsmittels sicherzustellen, ist eine regelmäßige Wartung und technische Kontrolle wichtig.

    Die Weltgesundheitsorganisation (WHO) nutzt die International Classification of Functioning, Disability and Health (ICF), um Gesundheitszustände zu beschreiben und zu klassifizieren. Sie gilt weltweit als „gemeinsame Sprache“ zwischen Fachleuten, um nicht nur Krankheiten und Defizite eines behinderten Menschen zu beurteilen, sondern auch die Möglichkeiten zur Aktivität und Teilhabe am Leben zu berücksichtigen.

    Insgesamt gibt es vier Klassifikationen:

    a) Körperfunktionen, darunter

  • mentale Funktionen, wie Bewusstsein und Orientierung
  • Sinnesfunktionen und Schmerz, wie das Sehen, Hören und das Schmerzempfinden
  • Funktionen des kardiovaskulären Systems, wie Herz, Atem und Verdauung
  • neuromuskuläre und bewegungsbezogene Faktoren, wie Beweglichkeit der Wirbelsäule, Hände und Füße
  • Funktionen der Haut, wie Schutz und Heilung
  • b) Körperstrukuren, z. B. das Nervensystem, Augen und Ohren, das kardiovaskuläre System und mit der Bewegung im Zusammenhang stehende Strukturen

    c) Mögliche Aktivitäten und Teilhabe, beispielsweise

  • das Lernen und die Wissensanwendung, wie die Wahrnehmung, das Nachahmen und Üben von Fertigkeiten oder das Denken und Lesen
  • allgemeine Aufgaben und Anforderungen, wie Aufgaben übernehmen, Routinen durchführen oder Stress zu bewältigen
  • das Kommunizieren, z. B. sprechen, gestikulieren oder schreiben
  • die Mobilität, wie die Körperposition ändern und halten, sich fortbewegen oder einen Gegenstand zu tragen
  • die Selbstversorgung, wie Körperpflege oder Nahrungsaufnahme
  • d) Umweltfaktoren, wie

  • Produkte und Technologien
  • natürliche und vom Menschen veränderte Umwelt
  • Unterstützung und Beziehungen
  • Einstellungen
  • Dienste, Systeme und Handlungsgrundsätze
  • Diese Aspekte sind bei der Auswahl der Hilfsmittelversorgung von besonderer Bedeutung, um Ihre Kinder oder Angehörigen aktiv am Alltags- und Freizeitleben zu beteiligen, deren individuelle Entwicklung zu fördern und sie therapeutische Angebote wahrnehmen zu lassen. Die ICF kann ein Leben lang angewandt werden, um den Gesamtzustand eines Menschen zu beurteilen.

    Fachinformationen zur ICF

    Da mehr als 90 % der Deutschen über eine gesetzliche Krankenkasse abgesichert sind, ist der Kostenträger fast immer die GKV. Sie hat die Aufgabe sicherzustellen, dass alle Patienten flächendeckend mit hochwertigen und bedarfsgerechten Hilfsmitteln versorgt werden. Sie verfügen über ein Vertragssystem mit zahlreichen Partnern, sogenannten Versorgern. Mit diesen müssen Eltern, Angehörige und Betreuer zusammenarbeiten, um die Kosten für ein Hilfsmittel erstattet zu bekommen. Wird ein von der GKV unabhängiger Versorger gewählt, trägt der Versicherte die Kosten.

    Aber warum ist das so?

    Versorger müssen für die GKVs den Nachweis erbringen, dass sie in der Lage sind, Hilfsmittel ausreichend, zweckmäßig und Funktionsgerecht herzustellen, zu liefern und anzupassen. Das wird durch ein Zertifikat von einer unabhängigen Stelle bestätigt. So wird gewährleistet, dass die Versorger den Ansprüchen der Krankenkassen und somit auch den Ansprüchen von Patienten und Angehörigen gerecht werden.

    Fragen zum Thema Stehgeräte

    Im Kindesalter ist das Stehen ein wichtiger Entwicklungsschritt zur körpereigenen Fortbewegung. In jedem Alter beweisen Erfahrungswerte, dass sich das Stehen positiv auf den menschlichen Organismus auswirkt. Das Stehen stärkt den Muskeltonus, erhöht die Knochenfestigkeit, regt die Blutzirkulation an und verbessert die Hautstruktur durch das Vermeiden von Druckstellen. Der Patient trainiert seine Muskeln und stabilisiert damit den gesamten Körper, fördert das Verdauungs- und Herzkreislaufsystem, trainiert das Gleichgewicht und verbessert seine Atmung. Gleichzeitig ist die Krampfanfälligkeit stehend geringer und die Konzentrationsfähigkeit sowie das Selbstbewusstsein steigen in aufrechter Position.

    Stehen ist ein komplexer Vorgang, der eine hohe koordinative Leistung vom Gehirn fordert. Dieser Vorgang steuert verschiedene Muskelgruppen in bestimmter Reihenfolge an und sorgt dafür, dass diese Gruppen sich anspannen. Für die statomotorische Weiterentwicklung des Körpers zu einer stabilen, koordinierten Fortbewegung auf zwei Beinen, ist die gesicherte Stehposition Voraussetzung. Dies gilt sowohl für Kleinkinder, die diese Fähigkeiten erst erlernen, aber auch für jegliche Patienten, die diese Fähigkeit verloren haben.

    Es gibt eine Vielzahl von Krankheits- und Behinderungsbildern, bei denen der Einsatz eines Stehständers empfehlenswert ist. Dazu gehören

    • (infantile) Cerebralparesen (ICP) oder (CP)
    • Muskeldystrophien (z.B. Morbus Duchenne; Floppy infant)
    • Syndromerkrankungen
    • zentrale und periphere Lähmungen (z.B. Querschnittslähmungen, Schädelhirntraumata)
    • Hemiplegien
    • globale Entwicklungsverzögerungen
    • progressive neuromuskuläre Erkrankungen (u.a. amyotrophe Lateralsklerose, multiple Sklerose)
    • Tetraplegien
    • Paraplegien
    • Wachkoma
    • ALS und Multiple Sklerose
    • Altersatrophie
    • postoperative Folgen (Umstellungsosteotomie)
    • uvm.

    Der therapeutische Nutzen für alle Behinderungsformen lässt sich in physische und psychische Aspekte unterteilen.

    Betrachten Sie den Körper des Patienten, so belastet ein Stehgerät die Hüftgelenke und knöchernen Strukturen achsengerecht. Das Stehen vermeidet Kontrakturen und beugt Osteoporose vor. Zusätzlich aktiviert die Stehtherapie die Beinmuskulatur, stabilisiert die Rumpfmuskulatur und fördert die Kopfkontrolle des Patienten. Eine mögliche Lageveränderung sorgt für Druckentlastung. Die aufrechte Position regt das Herz-Kreislaufsystem an und verbessert die Vitalfunktionen.

    Auch psychisch profitieren Patienten vom Stehen. Durch eine aufrechte Körperhaltung ist es einfacher, aktiv am Alltagsleben teilzunehmen bzw. auch Angehörigen wird die Integration erleichtert. Nachweislich hat das Stehen auch eine positive Auswirkung auf die Sprachfähigkeit. Aufrecht ist es für den Patienten leichter, aufmerksam und konzentriert zu sein, sodass auch spielerische bzw. anspruchsvollere Aktivitäten möglich sind und die kognitive Entwicklung gefördert wird. Gleichzeitig fühlt sich der Patient auf Augenhöhe „gleichwertig“ mit seinem Umfeld und steigert somit sein Selbstbewusstsein.

    Die Stehgeräte von Rehatec lassen sich grob in drei Kategorien unterteilen:

    1. Geräte, die Patienten aus der Rückenlage aufrichten können, auch Rückenliegebretter genannt: Heidelberger Liegebär Lasse oder Biometrisches Stehsystem Da Vinci
    2. Geräte, in die Patienten bereits stehend transferiert werden, auch Stehständer genannt: Heidelberger Stehgerät Standard, Heidelberger Stehgerät Impuls, Heidelberger Stehgerät Jumbo oder Jumbo für Stehorthesen, Heidelberger Stehgerät Benni
    3. Geräte, mit denen eine eigenständige Fortbewegung in stehender Position möglich ist: Heidelberger Stehgerät Speeedy

    Für eher passive bzw. hypotone Patienten sowie für Patienten mit bereits bestehenden Kontrakturen eignen sich vor allem Hilfsmittel, die Patienten aus der Rückenlage heraus aufrichten (1). Diese Geräte machen den Transfer für Patienten und Angehörige bzw. Betreuer einfacher und sicherer.

    Ein Patient, der im Rumpfbereich eine muskuläre Reststabilität hat oder beim Aufstehvorgang noch mithelfen kann, ist besser mit einem vertikalen Stehgerät versorgt (2). Zu Trainingszwecken lässt sich dabei die Neigung nach vorne verstellen (Multi-Untergestell).

    Für Patienten, die auch ihre Arme einsetzen können, sind Stehgeräte für ein eigenständiges Fortbewegen möglich (3). Unser Speeedy verfügt über seitlich angebrachte, große Antriebsräder, mit denen der Patient eigenständig fahren kann.

    Fragen zum Thema Sitzen

    Die meisten Menschen verbringen den Großteil eines Tages in unterschiedlichen Sitzpositionen und nehmen in dieser Position ihre Umwelt wahr bzw. interagieren mit dieser. Betrachten Sie ein Kleinkind, gehört das Sitzen zum zweiten wichtigen Entwicklungsschritt. Im Gegensatz zur liegenden Position ermöglicht das Sitzen dem Patienten eine aufrechte Wahrnehmungsebene. Mit einer gewissen Beweglichkeit von Kopf und Oberkörper ist eine Rundumsicht von bis zu 360 Grad möglich.

    Eigenständig sitzend können Patienten selbständiger und unabhängiger handeln. Am Tisch können sie selbst essen oder trinken bzw. sich selbst beschäftigen, z. B. lesen, Bücher ansehen, puzzeln, basteln oder malen.

    Es gibt eine Vielzahl von Krankheits- und Behinderungsbildern, bei denen einen Sitzversorgung empfehlenswert ist. Dazu gehören

    • (infantile) Cerebralparesen (ICP) oder (CP)
    • Muskeldystrophien (z.B. Morbus Duchenne; Floppy infant)
    • Syndromerkrankungen
    • zentrale und periphere Lähmungen (z.B. Querschnittslähmungen, Schädelhirntraumata)
    • Hemiplegien
    • globale Entwicklungsverzögerungen
    • progressive neuromuskuläre Erkrankungen (u.a. amyotrophe Lateralsklerose, multiple Sklerose)
    • uvm.

    Auch ein Mensch ohne Einschränkungen muss diese Haltung üben und dabei stabilisiert werden. Sollte ein Kind körperlich nicht dazu in der Lage sein, eigenständig zu sitzen und die Position zu halten, sollten Sie diesen Schritt dennoch zeitlich im Einklang mit einer altersgerechten Entwicklung der Statomotorik anbahnen.

    Um das Sitzvermögen eines Patienten (wieder)herzustellen, ist es wichtig, die individuelle Haltung des Patienten genau zu berücksichtigen, um ihn optimal zu unterstützen. Die Ausprägung und Art der Sitzeinschränkung ist ausschlaggebend für die notwendige Unterstützung.

    Das Sitzen bietet im Alltag folgende Vorteile, die therapeutisch zu einer Stärkung des Selbstbewusstseins sowie einer besseren Kommunikations- und Konzentrationsfähigkeit beitragen:

  • Sitzen führt zur statomotorischen Eigenständigkeit (die Möglichkeit, alleine Aktivitäten nachzugehen, ohne gehalten zu werden).
  • Sitzen ist die grundlegende Voraussetzung für Mobilität. Fahrten im Kinderwagen bzw. Rollstuhl, Autofahrten und viele weitere Fortbewegungsmethoden sind überwiegend sitzend möglich.
  • In einer stabilen Sitzposition sind die Arme von Patienten frei beweglich, womit neue Freizeitaktivitäten möglich sind.
  • Das eigenständige Sitzen erweitert den Blickwinkel und lässt Patienten viel mehr von ihrer Umwelt wahrnehmen.
  • Im Falle von Kleinkindern ist das Sitzen im Alltag der erste Schritt zur Unabhängigkeit, denn das Kind wird vom elterlichen Arm oder Schoß getrennt.
  • Abhängig vom Krankheitsbild und/oder Behinderungsgrad muss ein Sitz unterschiedlichen Anforderungen gerecht werden, dazu gehören ein hyperaktives oder hypotones Bewegungsmuster, Spastiken und Ähnliches. Es ist wichtig, die Sitzhilfe auf die individuelle Körperhaltung und den individuellen Körperbau einstellen zu können. Und gerade bei Kindern empfiehlt es sich, auf ein stückweise mitwachsendes Hilfsmittel zu achten, damit auch die Kleinen möglichst lang von ihr profitieren.

    Therapiestühle sind mit unterschiedlichen Untergestellen verfügbar. Es gibt Untergestelle, die hauptsächlich für den Innenraum konzipiert sind, und Gestelle mit speziellen Rädern, die sowohl im Innen- und Außenbereich einsatzfähig sind.

    Es gibt zudem diverse technische Einstell- und Anpassmöglichkeiten, über die ein Hilfsmittel zur therapeutischen Sitzversorgung verfügen sollte. Mögliches Zubehör und notwenige Einstellmöglichkeiten sind:

    1.  Um der individuellen Hüftstellung optimal gerecht zu werden, sollte der Sitz in seiner gesamten Schräge verstellbar sein und eine winkelverstellbare Rückenlehne ist empfehlenswert.
    2. Die gesamte Sitzversorgung sollte sich an unterschiedliche Tischhöhen anpassen bzw. für unterschiedliche Beschäftigungen in der Höhe einstellbar ein.
    3. Der Halt zur Seite für den Oberkörper muss durch verstellbare Stützelemente gegeben sein, z. B. durch Thoraxpelotten.
    4. Damit der Kopf des Patienten stabil bleibt und bei fehlender Kopfkontrolle nicht nach vorne oder zur Seite kippt, sind verstellbare Kopfstützen in unterschiedlichen Formen sehr wichtig. Sie werden individuellen Anforderungen gerecht und bieten mit Zubehör wie Kinnpolstern oder Stirngurten maximale Sicherheit.
    5. Eine dorsale Anstützpolsterung, ein Armablagetisch und Armlehnen helfen dem Patienten dabei, ihr Arme zu positionieren, ihre Armkraft einzuteilen und aktiv diversen Aktivitäten nachzugehen.
    6. Eine verstellbare laterale und mediale Beinführung wird dem individuellen Körperbau gerecht, vermeidet Druckstellen und sorgt für einen bequemen Sitz.
    7. Eine optimale Sitzversorgung berücksichtigt auch die Fußstellung der Patienten. Fußauflagen sind symmetrisch oder asymmetrisch und werden in Höhe und Neigung verstellt.
    8. Eltern oder Betreuer nutzen Gurte, um das Becken, den Oberkörper und die Sprunggelenke des Patienten zu sichern, sodass der Patient auch ohne unmittelbare Beaufsichtigung stabil und sicher sitzt.

    Fragen zum Thema Fortbewegen

    Aus therapeutischer Sicht ist es wichtig, dass das Untergestell die individuellen Anforderungen des Patienten und seines Krankheitsbildes erfüllt. Es sind technische Aspekte, die bei einem Fahrgestell darüber entscheiden, ob ein therapeutischer Nutzen gegeben ist:

    1.  Das Gestell und mit ihm die Sitzschale lassen sich nach hinten kippen. Der Patient nutzt die Schwerkraft aus und wird in der Sitzposition entlastet. Besonders bei hypotonen Patienten kann eine Schrägverstellung nach hinten erforderlich sein.
    2. Der Sitzwinkel lässt sich verstellen. Sofern er nach hinten geöffnet und somit größer wird, wird der Patient entlastet. Verkleinern Sie den Winkel nach vorne, hemmen Sie einen starken Strecktonus des Patienten
    3. Ist die Sitzplatte auf einer höhenverstellbaren Trägerplatte montiert, lässt sich die optimale Sitzhöhe für den Patienten präziser einstellen und es kann ggf. Platz zur Unterbringung diverser Medizingeräte geschaffen werden.
    4. Ein abduzierter Rahmen bietet eine größeres Platzangebot für den Patiententransfer und ermöglicht eine Abduktionslagerung der Beine, die oftmals auch postoperativ notwendig ist.
    5. Dem Längenwachstum eines Patienten werden unterschiedliche Rahmenlängen sowie eine Sitztiefenanpassung gerecht. Sofern ein längerer Radstand möglich ist, verleiht das Hilfsmittel auch großen Patienten oder Patienten mit schwieriger Körperhaltung Stabilität und Standsicherheit, selbst bei weit geöffneten Sitzschalen.

    Menschen, die nicht selbständig laufen können, benötigen einen Aktivrollstuhl oder ein Sitzschalenfahrgestell. Ein Aktivrollstuhl ist für Menschen bestimmt, die sich mithilfe ihrer Arme eigenständig in einem Rollstuhl fortbewegen können.

    Sitzschalenfahrgestelle sind für Menschen mit größeren Einschränkungen bestimmt, die von einer betreuenden Person geschoben werden müssen. Sie sind nicht in der Lage, aus eigener Kraft oder eigenem Antrieb einen Rollstuhl zu bewegen oder zu steuern.

    Für Patienten, die ihre Arme minimal einsetzen können, ist das Sitzschalenfahrgestell Galileo eine Zwischenlösung. Durch die Möglichkeit, die Radposition horizontal zu verändern, kann das Untergestell auch von Anwendern genutzt werden, die sich eingeschränkt eigenständig bewegen können. Anwender, die einen Rollstuhl minimal mit ihren Armen antreiben können, z. B. um in einem Zimmer oder auf dem Flur einer Einrichtung umherzufahren, sind auch in einem Galileo gut aufgehoben.

    Aus therapeutischer Sicht ist es wichtig, dass ein zur Fortbewegung eingesetztes Untergestell den individuellen Bedürfnissen eines Patienten gerecht wird. In diesem Fall sind es die technischen Details, die einen Unterschied machen. Hier einige Beispiele:

    1. Lässt sich das Untergestell kanteln, wie stark ist die mögliche Kantelung und können Sie diese selbst einstellen?
      Ist es möglich, die Sitzschale auf dem Untergestell zu kanteln, erhalten Sie durch die Einwirkung der Schwerkraft eine entlastende Sitzposition. Gerade bei hypotonen Behinderungsformen mit schwacher Körperspannung ist eine möglichst weite Sitzkippung nach hinten oft notwendig.
    2. Lässt sich der Schiebegriff mitsamt dem Rücken so einstellen, dass er sich an die Sitzschale anpasst?
      Kann der Schiebegriff mitsamt dem Rücken stufenlos nach hinten aufgeklappt werden, beeinflusst das die Gradzahl des Hüftgelenkwinkels des Patienten. Wird der Rücken geöffnet, sorgt das für eine zusätzliche Entlastung. Ein kleinerer Winkel hemmt dagegen z. B. eines starken Strecktonus des Patienten.
    3. Kann die Höhe der Sitzplatte angepasst werden?
      Sofern die Höhe der Sitzplatte variabel ist, erreichen Betreuer eine notwendige Transferhöhe. Je nach Fall schafft eine erhöhte Sitzplatte aber auch mehr Platz für erforderliche Medizingeräte, wie Medikamentenpumpen oder Beatmungsgeräte. In diesem Fall empfehlen wir die Kombination mit einer medizinischen Plattform.
    4. Hat das Untergestell einen abduzierten oder einen normalen Rahmen?
      Ein abduzierter Rahmen bietet in Transfersituationen mehr Platz. Aber auch zu therapeutischen Zwecken werden die Beine z. B. für eine Funktionslagerung abduziert gelagert. Auf diese Weise platzieren Therapeuten die Hüftköpfe in den Hüftpfannen oder versorgen Patienten postoperativ.
    5. Passt die Rahmenlänge zu Ihren Anforderungen und lässt sich die Sitztiefe anpassen?
      Gerade weit geöffnete Sitzschalen erfordern ein erhöhtes Maß an Standfestigkeit. Diese erhalten Sie bereits durch eine angepasste Sitztiefe. Ein deutlich längerer Rahmen verlängert den Radstand und lässt sich bei Rehatec z. B. als Sonderanpassung realisieren.
    6. Ist das Untergestell mitwachsend?
      Bei jüngeren Patienten, die sich noch im Größenwachstum befinden, ist ein mitwachsendes Untergestell empfehlenswert, um möglichst lang von einem Sitzschalenfahrgestell profitieren zu können.